Wie schnell sich Paradies-Vorstellungen in Horror-Szenarien verwandeln, beweist der heutige Samstag mal wieder erstklassig. Dieses Wochenende ist meiner Geschichte gewidmet, voll und ganz. Um am Morgen munter und unbeschwert in die Tasten hauen zu können, habe ich alles zu Erledigende gestern Mittag abgetragen und sah mich nun vor zwei freien Schreibtagen, denen rein gar nichts im Weg stand.
Außer mir.
Wie es in den meisten Geschichten der Fall ist, begann alles höchst idyllisch. Noch vor dem Frühstück feilte ich am Detailplot für den dritten Manuskriptteil, druckte ihn aus und nahm eine inspirierende Dusche. Ich konnte es gar nicht mehr erwarten, endlich an den Klapprechner zu stürzen, aber um alles perfekt vorzubereiten, begann ich, im Internet nach einem Rezept zu suchen, das ich für den späteren Verlauf brauchte. Plötzlich tauchten an allen Ecken und Enden Fragen auf, die mir unglaublich wichtig erschienen, eigentlich aber schwachsinnig waren (als Beispiel wäre hier mein innerer Konflikt zu nennen, ob Gardinen auch etwas anderes können, als von ihrer Stange zu hängen und dann immer noch starr aussehen … kein Angst, das muss man nicht nachvollziehen.)
Nachdem ich dann auch noch über diverse Interviews stolperte, die vor Schreibwarnungen nur so strotzten und es tatsächlich wagten, einen allgemeinen Wahrheitsanspruch an ihre Ratschläge zu stellen (wenn ich etwas nicht leiden kann, dann das!!!) … und schon lauerte der allseits bekannte “Mumpitz” (der Name erschien mir irgendwie passend) hinter meiner Zimmertür.
Irgendwann um die Mittagszeit hatte ich dann genug davon, im Viertelstundentakt sinnlose Satzbruchstücke zu produzieren, und änderte meine Taktik. Mit den Jahren habe ich herausgefunden, dass meine Schreibprobleme in den seltensten Fällen aus meiner Geschichte herrühren, sondern meistens mit etwas anderem zusammenhängen – mit unerfüllten Aufgaben, zu wenig Tee, dem Wetter, zu wenig Tee, Bauchschmerzen, zu viel Tee – oder eben mit dem Bewusstsein, den ganzen Tag Zeit zu haben. Für gewöhnlich erledige ich Anstehendes sofort und bin regelrecht süchtig nach dem wunderbaren Gefühl getaner Arbeit, aber für das Schreiben gilt das nicht. Denn schreiben ist so wenig Arbeit, wie es keine Arbeit ist – womit ich sagen will, dass es keinenfalls in eine solche Kategorie eingeordnet werden könnte. Beim Schreiben gibt es für mich keine zu erledigenden Aufgaben, denn ich hasse es, meine Geschichte in Einzelgeschehnisse zu zerhacken, weil die wichtigen Prozesse im Inneren stattfinden und niemals ein Ende nehmen ….
Aber ich schweife ab. Die Frage, die ich mir um 14:17 stellte, war folgende: Was macht dich glücklich?
Oder weniger dramatisch ausgedrückt: Was willst du erreichen und was musst du tun, um dorthin zu kommen?
Die Tatsache, dass ich den gesamten Morgen für diese simple Fragestellung brauchte, war bezeichnend für meinen dämmrigen Zustand. Meine erste Antwort war SCHREIBEN, aber ich habe es längst aufgegeben, dieses übermächtige Wort als Ganzes zu betrachten. Tatsächlich wollte ich den dritten Part meines Manuskripts beginnen. Und will es noch immer, denn noch sitze ich in Unterwäsche an meinem Schreibtisch und berichte euch von meiner großartigen, phänomenal genialen Erkenntnis.
Dazu kam es folgendermaßen:
Ich zwang mein eingerostetes Hirn zu dem Geständnis, dass ich momentan NICHT in der Lage war, etwas halbwegs Sinnvolles zu Papier zu bringen. Von da an war es nur noch ein Katzensprung zur Formulierung kurfristiger Ziele, mit denen ich die Situation retten konnte.
1. ein freier Kopf
Ob ihr es glauben wollt oder nicht, habe ich mir zum ersten Mal seit winterlangen Monaten meine Turnschuhe geschnappt und bin durch die Straßen gedüst (deswegen auch die Unterwäsche). Ich war erstaunlich gut in Form und da das faktisch gesehen nicht der Fall ist, beweist mein Jogging-Trip nur wieder einmal, wie sehr der gute Wille zählt. Weil ich hier sitze und diesen Beitrag tippe, könnt ihr davon ausgehen, dass dieser Tipp gewirkt hat.
2. Tee
Das Wundermittel für alle Lebenslagen – der Wasserkocher brodelt in der Küche …
3. Neubeginn
Heute werde ich etwas ausprobieren. Wie gesagt, habe ich vorhin schon mal ein paar Sätze gekritzelt – ich nenne es nicht einmal schreiben, denn an etwas “Geschriebenes” habe ich einen gewissen Qualitätsanspruch. Also werde ich, bevor ich fortfahre, die Löschen-Taste betätigen und einen zweiten Entwurf schreiben. Das ist eine grauenhafte Vorstellung für mich, so viel Arbeit, so viel Mühe, einfach ins Nichts zu stoßen – aber die Mühe merkt man meinen Worten so sehr an, dass die traumhafte Vorstellung eines Schriftstellerdaseins für mich nicht mehr vertretbar wäre. Dabei gibt es solche Momente durchaus, aber ich warne euch: Sie machen süchtig!
4. Vergleiche dich nicht mit anderen
Wisst ihr eigentlich, wie viele Internetseiten sich damit beschäftigen, welche Wortanzahl der perfekte Roman haben muss, und ob es Sinn macht, jeden (und wirklich jeden Tag) zu schreiben. Einerseits kann das ganz interessant und inspirierend sein, aber nur, wenn du wirklich nach Antworten suchst, und dich nicht – wie ich – vor dem Anfangen drückst, denn das zieht dich nur noch weiter runter. Es gibt keinen einen richtigen Weg, wie ein Manuskript entstehen, wie oft es überarbeitet, oder wie viele Adjektive ein Satz NICHT haben sollte. Jede Geschichte entsteht auf ihre eigene Weise, und genauso wenig, wie zwei Schrifsteller ein und dieselbe Person sind, muss die eine Herangehensweise für den anderen erfolgreich sein. Der Entstehungsprozess deines Buches begründet sich doch auf nichts anderem als das Buch selbst – auf Erfahrungen, Reaktionen und der Fähigkeit, daraus zu lernen. Ich finde, du solltest dir diese Chance geben.
Genau das werde ich jetzt tun.
Puh, die nächste Lebenskrise scheint überstanden! Wenn ich diesen Eintrag lese, fällt mir auf, dass ich mal wieder maßlos übertrieben habe. Horror-Szenarien, pff! Aber es entsprach meinem gegenwärtigen Schreibstil
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PS: Ich habe mich letztendlich doch dafür entschieden, meine Gardinen hängen zu lassen!
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